Tag 1: Fahrt nach Ravensburg
Ich muss Mathias' Gepäck bei ihm zu Haus abholen. Er ist auf Dienstreise in Süddeutschland. Ich sammle ihn in Würzburg auf. Auf dem Weg höre ich das Hörbuch "Die Vermessung der Welt" über Humboldt und Gauß. Das ist genau die richtige Einstimmung auf unsere Expedition.
Die Jugendherberge in Ravensburg ist in der Veitsburg über der Stadt. Anschließend fahren wir zu meinem Neffen, der uns ein Fahrrad leiht und den ganzen Marathon am Bodensee laufen will.

Tag 2: 43 km Lindau - Rorschach
Wir parken in einem Dorf 4 km von Lindau entfernt. Schließlich haben wir Fahrräder dabei. Mit komplettem Gepäck radeln wir zum Start des Marathon am Dreiländereck nach Lindau. Dort treffen wir wieder meinen Neffen.

Nordic Walker starten noch hinter dem Besenwagen. Ca. 5000 Teilnehmer sind insgesamt dabei. Startschuss: Nichts passiert. Ein paar Minuten später geht’s los. Die Sonne scheint. Es ist beinah zu warm zum Laufen. Zum Walken ist es gut.
Schon vor Kilometer Zwei sammelt der Besenwagen den ersten Läufer ein. Bei Kilometer Zwei den zweiten. Ist schon interessant, das mal zu sehen.
Aber: Haben die nicht trainiert? Überhaupt keine Erfahrung? Der kürzeste Lauf sind 11,4 km. Selbst dafür sollte man doch trainiert haben und sich seine Kräfte einteilen können.
Und wieso eigentlich 11,4 km? An anderer Stelle wird vom Viertelmarathon geredet. Können die denn nicht rechnen? Ein Viertelmarathon wären doch nur 10,55 km.
Irgendwann ein kleines Schild: Landesgrenze. Jetzt bin ich in Österreich. Der Schweiß läuft mir brennend in die Augen. Außerdem drückt mein rechter Schuh.
Eine Zuschauerin küsst ihren Mann, der neben mir walkt. Eine Mitwalkerin freut sich so sehr darüber, dass sie sich ihre Stöckchen zwischen die Beine haut und fällt. Glück gehabt. Außer dem Schreck ist nichts passiert.
Es geht über die Uferpromenade nach Bregenz. Dort führt die Laufstrecke direkt durch die Seebühne. Das Bühnenbild von Aida besteht u. a. aus zwei riesigen Füßen. Passend zum Marathon.

Kurz danach wird es laut. Der Zieleinlauf im Stadion kommt näher. Aber ich muss erstmal komplett außen rum, dann noch eine halbe Runde im Stadion. Für 11,4 km brauche ich 1 Stunde 36. Nicht so schnell wie erhofft, aber trotzdem bin ich zufrieden. Es hat mal wieder viel Spaß gemacht.
(Wie wir erst ein paar Tage später erfahren, hat mein Neffe seinen ersten Marathon in 4:19:40 geschafft. Geheimes Dopingmittel: Haribo und leichte Schuhe. Besonders Mathias ist schockiert. Noch mehr schockiert es ihn, als er erfährt, dass sein Schwager beim Marathon in Köln 3:45 gelaufen ist. Auch ein Debütant und außerdem nach einer fünfwöchigen Trainingspause.)
Nach längerem Entspannen und Genießen des Trubels im Zielbereich mache ich mich auf den Rückweg nach Lindau. Eigentlich sollte es mit den Kursschiffen kostenlos sein. Sie wollten trotzdem Geld. Erst nach längerer Diskussion mit dem Kontrolleur komme ich umsonst mit.
Zurück in Lindau muss ich feststellen, dass irgendein Mistkerl meine Landkarte vom Fahrrad geklaut hat. Ich hatte sie in einer wasserdichten Tasche am Lenker befestigt. Es war natürlich die einzige Fahrradkarte mit Radwegen, Steigungen, usw. Möge der Dieb ewig ein schlechtes Gewissen haben und sich trotz Karte verfahren 
Die Radwege am Bodensee sind gut ausgeschildert. Außerdem sind genug Radler unterwegs, so dass Mathias und ich über Bregenz, dann durch's Rheindelta schließlich nach Rorschach in der Schweiz kommen. Die dortige Jugendherberge ist ein relativ neuer Backsteinbau direkt am See. Sieht von der Straßenseite auf den ersten Blick wie ein Industriegebäude oder eine Lagerhalle aus. Auf der Seeseite ist ein Schwimmbad mit großer Liegewiese und Rutsche. Ist im Oktober natürlich zu.
Tag 3: 45 km Rorschach - Schwägalp
Vom Bodenseeradweg nach links abgebogen, Richtung St. Gallen. Es gibt erste Steigungen. In St. Gallen folgen wir den Schildern Richtung Zentrum und stellen die Fahrräder direkt am Klosterbezirk ab. Das Kloster ist ein Weltkulturerbe. Besonders berühmt ist die Stiftsbibliothek.

Überall in der Altstadt sind Baustellen. Wir müssen lange suchen, um in der richtigen Richtung aus der Stadt hinauszukommen. Die Strecke wird immer bergiger. Es wird auch immer wärmer. Der Schweiß läuft. Bei einer Schaukäserei machen wir Pause.
Wenn es mal bergab geht, ärgern wir uns, weil wir ja insgesamt weiter hoch müssen. Urnäsch wird erreicht und durchfahren. Auf den Wiesen und Weiden grasen Kühe mit Glocken um den Hals. Es ist ein andauerndes, aber beruhigendes Läuten.
Wir fahren auf einer Landstraße Richtung Schwägalp, als wir einen Wegweiser nach links sehen, der einen Radweg (asphaltierter Feldweg) zur Schwägalp kennzeichnet. Er ist etwas steiler, aber vielleicht auch kürzer. Es geht wirklich steil bergauf. Wir müssen schieben. Nach rechts geht ein Wanderweg zur Schwägalp. Mathias sagt, er hätte auch ein Schild Radweg gesehen, aber daran kann ich mich nicht erinnern.

Über einen Schotterweg geht es weiter hoch. Dann ein Tor und wir schieben über eine Almwiese. Danach folgt wieder ein extrem steiler Schotterweg. Die Arme tun weh. Das Fahrrad rutscht. Ich frage mich, warum mein Gepäck so schwer ist und denke an Conan den Barbaren und das Wheel of Pain.
Nach einer letzten Kurve sehen wir die Steilwand des Säntis vor uns. Hier ist wieder ein asphaltierter Weg. Zuerst immer noch zu steil zum Fahren.
"Isch nicht mehr wiet" sagt ein schweizer Spaziergänger aufmunternd.
Schließlich sehen wir das Berghotel Schwägalp, unser Ziel. Doch der Weg geht noch höher. Was soll denn diese Schikane? Nach einer kurzen Abfahrt rollen wir auf die Terrasse.
Ein paar Wanderer, ein paar Autos und Motorräder. Insgesamt ist nicht viel los um diese Jahreszeit. Die Dame an der Rezeption empfiehlt uns, erst am nächsten Tag mit der Seilbahn auf den Berg zu fahren.

Nach kurzer Erholung und einer Dusche gehen wir nochmal raus. Mathias kehrt aber bald zum Hotel zurück. Ich gehe noch ein wenig über die Wege des Naturerlebnisparks, der hier oben angelegt ist. Es ist keine Menschenseele zu sehen. Ich genieße die Ruhe.

Tag 4: 85 km Schwägalp - Konstanz
Der Wecker klingelt um 7:00 Uhr. Mathias schaltet den Fernseher ein: Nachrichten! Wenn ich Urlaub mache, will ich gar nicht wissen, was in der Welt passiert.
Nach dem Frühstück fahren wir mit der Seilbahn in zehn Minuten weitere 1200 m nach oben. Der Gipfel ist touristisch voll erschlosssen: Restaurant, Souvenirshop und Ausstellung. Aber das nutzen wir nicht. Sofort raus auf den wirklichen Gipfel. Der Wind pfeift, es ist recht kühl, aber ich bin richtig gekleidet.
Geniale Aussicht. Am Himmel hängen viele Wolken. Nur vereinzelt fällt ein Sonnenstrahl auf einen der anderen Berge.

Nach einem kurzen Spaziergang zu einem älteren Gasthaus auf der anderen Seite des Gipfels machen wir uns auf den Rückweg. Es gibt doch tatsächlich einen Wanderweg (wohl eher einen Klettersteig), der vom Gipfel zur Schwägalp führt. Wir sind jedoch vernünftig und nehmen wieder die Seilbahn.

Zurück am Berghotel satteln wir die Räder und fahren diesmal die Autostraße hinunter. Sie erscheint kaum weniger steil als der Hinweg und auch nicht kürzer. Es gibt einige rasante Abfahrten. An einer Stelle schaffe ich die 50 km/h bevor die nächste Serpentine kommt.
Es geht eigentlich immer nur bergab. Wir fahren einem anderen Weg zurück nach St. Gallen.
Dann etwas links halten, so dass wir bei Arbon wieder den Bodensee erreichen. Wir fahren nicht wie geplant nur bis Romanshorn, sondern gleich bis Konstanz. Insgesamt 80 km. Die Jugendherberge in Konstanz liegt ziemlich weit außerhalb auf einem Hügel. Ich glaube, das ist Absicht, damit die Gäste schön müde sind und keinen Ärger machen. Die Jugendherberge ist in einem Turm ohne Fahrstuhl. Wir bekommen Betten im 8. Stockwerk. Ich finde es köstlich. Zwei wohnungssuchende Studenten wohnen dort.

Tag 5: 86 km Konstanz – Neuhausen – Stein am Rhein
Wieder zurück in der Schweiz. Es ist schwierig, den richtigen Weg aus der Stadt Kreuzlingen zu finden. Viele Obstplantagen, immer an einer Bahnstrecke entlang. Mal links von den Schienen, dann rechts davon.

Der Bodensee ist nur selten zu sehen. Mittags sind wir gegenüber von Stein am Rhein. Weil es abends spät werden könnte, sehen wir uns die Stadt an. Voll mit Touristen. Die JH in Stein am Rhein hat noch Platz für uns. Wir werfen das Gepäck ab und fahren nur mit dem Nötigsten zum Rheinfall. Es ist sehr warm. Sonnencreme wäre nicht schlecht.

Am Rheinfall dann der Reinfall. Wegen Bauarbeiten am Schloss Laufen kein Zugang zum Rheinfall. Was für ein Reinfall.
Aber von der anderen Seite kann man ganz gut schauen. Auch hier wieder Massen von Touristen. Sind wir aber schließlich auch.

Auf der Rückfahrt auf der anderen Seite des Rheins überqueren wir ein paarmal die Grenze. Man weiß gar nicht mehr, wo man eigentlich ist.
Am Wegesrand entdecke ich das Monster von Loch Bodensee.

Kurz vor Stein im Rhein gibt mein Garmin mal wieder auf. Der Akku reicht einfach nicht für eine Ganztagestour. Abends gehe ich nochmal allein in die Stadt. Jetzt ist überhaupt nichts mehr los. Vor einem italienischen Restaurant wird schon aufgeräumt. Die Tischdecken sind schon abgenommen. Trotzdem bekomme ich noch ein (alkoholfreies) Bier.
Tag 6: 85 km Stein am Rhein - Friedrichshafen
Nachts hat es geregnet. Als wir morgens losfahren, ist es bewölkt aber trocken. Um sieben Minuten nach neun sitzen wir auf den Rädern. Es ist nicht mehr ganz so warm wie gestern. Der Bodenseeradweg nach Radolfzell ist nicht mehr ganz so flach wie bisher. Mathias kauft eine Tageszeitung und sitzt lesend auf einer Bank, während ich am steinigen Ufer spaziere. Ein Mann hat dort Steine zu Skulpturen gestapelt.

Kurz nach der Mittagspause in Radolfzell beginnt es zu nieseln. Zuerst nur ganz wenig. Wir lassen uns nicht stören und fahren durch Ludwigshafen.
Mathias' Fahrrad macht Zicken: Das Hinterrad schleift an der Bremse. Erst am nächsten Morgen merken wir, dass eine Speiche gebrochen ist.
Weiter geht’s durch Uhldingen mit seinen Pfahlbauten.
Die JH in Überlingen hat keinen Platz mehr für uns. Wir müssen noch ungefähr 30 km weiter bis Friedrichshafen. Inzwischen haben wir einen Dauerregen. Das Wasser läuft an der Jacke hinunter auf die nackten Beine. Solange wir fahren, ist es nicht kalt.
Am Ortseingang von Friedrichshafen ist der Radweg wegen einer Baustelle gesperrt. Mathias steigt zu spät ab, kommt nicht gut aus seinen Klickpedalen (s.u.) und belastet seine ohnehin gereizte Achillessehne falsch. Heftige Schmerzen.
Aber wir müssen einmal komplett durch den Ort zur Jugendherberge. Ich ziehe sofort trockene Kleidung an und rase zurück in den Ort. Um 17:06 Uhr stehe ich vor dem Zeppelinmuseum. Letzer Einlass 16:30 Uhr. Mist!
Im Regen spaziere ich durch die Fußgängerzone. Am Hafen steige ich auf einen Aussichtsturm und sehe den Schiffen beim Ablegen zu.

In der JH toben Kinder auf dem Gang. Das ist jedenfalls besser als weinende Säuglinge. Unser Sechserzimmer ist komplett gefüllt. Kurz vor zehn kommen zwei Brüder, die auf dem Rückweg aus Südtirol sind. Einer von ihnen entpuppt sich als schrecklicher Schnarcher. Parallel dazu kommt noch der Lärm der Durchgangsstraße, der durchs offene Fenster hineinkommt. Außerdem knetern die Betten bei jeder Bewegung. Und einer bewegt sich immer.
Am frühen Morgen wache ich auf und kann nicht mehr einschlafen.
Tag 7: 30 km Friedrichshafen – Lindau
Von Friedrichshafen bis Lindau sind nur 30 km. Mittags sind wir dort und haben die Umrundung des Bodensees beendet. Geschafft! Ein erhebendes Gefühl.
Der Ort, in dem wir das Auto geparkt hatten, liegt dummerweise auf einem Hügel. Der letzte Anstieg bringt uns nochmal zum Schwitzen.
Die Fahrräder einpacken, zurück nach Ravensburg, das geliehene Fahrrad zurückgeben. Dann eine anstrengende Rückfahrt 600 km Autobahn, erst Regen, zwei Stunden vor zu Haus standen wir dann noch für eine Stunde im Stau.
Tag 8: Erschöpfung
Gehört eigentlich nicht mehr zur Reise, aber scheinbar ja doch. Ich friere andauernd, fühle mich müde und schlapp und liege den halben Tag im Bett.
Man kann nicht immer das Beste bekommen, aber manchmal ist ein guter Kompromiss das Beste, was man kriegen kann.
Das schreibe ich, um über Mathias' Klickpedale zu lästern. Er hat Fahrradschuhe, bei denen die Verbindungen auf die Sohle geschraubt sind. Damit kann er kaum gehen. Erst recht nicht mit seiner schon vor der Reise beanspruchten Achillessehne. Also zog er bei jedem längeren Stopp, oder wenn wir einen Ort mit vielen Ampeln durchfuhren, seine normalen Schuhe an. Schuhe aus, Schuhe an...
Ich dagegen bin immer korrekt gekleidet: Ich fahre mit ganz normalen Turnschuhen.
